Thomas von Taschitzki: An der Grenze der Sichtbarkeit
in: InSicht, Dorothee Joachim / Wolfgang Lüttgens, Ausstellungskatalog, Gothaer Kunstforum, Köln 1999

(...) Dorothee Joachims Bilder geben nicht auf Anhieb etwas zu sehen, sondern bringen ihren „Inhalt“ Farbe erst mit der Zeit zum Vorschein. Mit einem radikalen malerischen Minimalismus, der, auf die Herstellung der Bilder bezogen, zugleich als Maximalismus bezeichnet werden kann, lotet Dorothee Joachim einen sensiblen Übergangsbereich von Farbe an der Schwelle ihres Erscheinens aus. Die weißgrundierten Leinwände werden beim Malen nicht mit Farbe überdeckt, sondern mit einer Vielzahl homöopathisch verdünnter Farblösungen gewissermaßen imprägniert. Die Farbe bleibt so in balancierter, feinstofflicher Wechselwirkung mit dem weißen Bildgrund und entwickelt je nach Licht und Betrachterblickpunkt eine enorme Erscheinungsvielfalt.

Die von langem Atem getragene Arbeit an den Bildern scheint sich in ihnen aufzuspeichern und mitzuteilen – als Aufforderung, nicht selbst die Zeit der Betrachtung zu bestimmen, sondern sich darin von den Bildern leiten zu lassen. Was man in bezug auf leise Geräusche oder Musik mit dem „Spitzen der Ohren“ meint, ließe sich auf das Wahrnehmen von Dorothee Joachims Bildern übertragen als eine Öffnung und Sensibilisierung des Auges für feinste Nuancen und Differenzen der Farbwirkung. Die Eskimos kennen über 200 verschiedene Wörter zur Differenzierung der vielfältigen Erscheinungsformen von Schnee; von Indianerstämmen im tropischen Regenwald Südamerikas wird ähnliches in bezug auf pflanzliches Grün berichtet. Für die kaum definierbaren hellen Farben von Dorothee Joachims Bildern müßten erst noch Begriffe gefunden werden. Doch vor allen Begriffen steht die Wahrnehmung, die sich vor allem durch die Relation der Bilder zueinander schärft. Neben solitären Bildern setzt Dorothee Joachim ihre Leinwände oft in Zweier- oder Viererbeziehungen zueinander und macht damit das Moment der wechselseitigen Identitätsfindung von Farbe zum konstitutiven Faktor der Bildwirkung. Wer sich in ein einzelnes Bild vertieft und den schleierhaften, vagen Verschattungen und Aufhellungen nachspürt, der wird beim Blick auf ein benachbartes Bild feststellen, wie ungemein deutlich der Farbunterschied in dem nur scheinbar eng gesteckten hellfarbigen Bereich sein kann. Dorothee Joachims Malerei der feinen Unterschiede rückt das Moment der Relativität in den Mittelpunkt. Aufgrund der je nach Blickpunkt und Lichtsituation wandelbaren Farberscheinungen bleibt es in der Schwebe, ob der wahrgenommenen Farbdifferenz eine objektive Gültigkeit zukommt oder ob sich alles nur im Auge ereignet. In jedem Fall wird sich der Betrachter – gleichsam als Nebenwirkung – im Wahrnehmen der subtilen Differenzen zugleich auch seines eigenen Differenzierungsvermögens bewußt.

Die Farben in Dorothee Joachims Bildern sind vieldeutig. Es ist kaum möglich, sie innerhalb des Farbkreises zuzuordnen. Was zunächst rötlich erscheint, enthält ebenso auch blaue und gelbe Anteile und umgekehrt. Beim Blick aus nächster Nähe fallen an den Bildkanten der Leinwände winzige Pigmentansammlungen in stark konzentrierten Primärfarben ins Auge. Es sind eingetrocknete Spuren der an den Kanten abtropfenden Farbflüssigkeiten, die sich gewissermaßen als eine Bildlegende, als zufällig abgelagerte Inhaltsangabe der verwendeten Pigmente lesen lassen. Diesem beinahe indiskreten Nah-Blick auf die Leinwände zeigt sich aber vor allem ein anderes Phänomen. Ein Netz feinster, unregelmäßiger Grate überzieht die Bildoberfläche. Die sedimentartigen Strukturen resultieren aus dem Trocknen der dünnflüssig aufgestrichenen Farblösungen und erinnern an die aus der Chaostheorie bekannten fraktalen, selbstähnlichen Strukturen. In den geomorphen Ablagerungen offenbart sich etwas von dem langsamen, stetigen Wachstum der Bilder und dem Sich-Selbst-Überlassen-Sein der einmal aufgetragenen Farbschicht, das für Dorothee Joachims Vorgehensweise charakteristisch ist.

Die Schwierigkeit, ihre Bilder innerhalb der unruhigen Architektur der Ausstellungshalle angemessen zu präsentieren, brachte Dorothee Joachim auf die Idee, sie in einem schützenden separaten Raum auszustellen. In dem gemeinsam mit Götz Kimmerle entworfenen Kubus werden die farblichen Differenzen und Nuancen der Bilder sowie ihre bewußt aufeinander abgestimmten Wechselwirkungen in ganz anderer, intensiverer Weise sichtbar und erlebbar, als dies im direkten Kontext der Halle möglich gewesen wäre. Der Raum im Raum wird zum Schutz- und Wahrnehmungsraum für Bilder, die nur im angemessenen „Biotop“ ihre volle Wirkung entfalten. (...)

 

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